Die Vernunft kann nur reden.
Es ist die Liebe, die singt.
(Joseph de Maistre)

 

Herzlich Willkommen auf meiner Seite und meinem Blog

 

 

 

Von Herzen wünsche ich allen meinen Lesern frohe und friedliche Weihnachten und
fürs kommende Jahr Gesundheit und viel Freude.
Richtet den Blick nach vorne und auf all das, was im vergangenen Jahr gut war.
In diesem Sinne herzliche Grüße.

 

 

 

Weiß das Christkind, dass ich hier bin?


(eine weihnachtliche Geschichter aus meiner Kindheit)

Am 24.12.1960 stand abends ein kleines Mädchen draußen im Schnee. Sie hatte ihre Hand ausgestreckt und Schneeflocken fielen sacht hernieder und schmolzen in der warmen Handfläche ...

 

Liebe Mama,

wie geht es dir? Mir geht es gut, manchmal auch nicht.

Ich vermiss dich, ich will lieber heim.

Es ist kalt hier. Aber du musst nicht traurig sein.

Weiß das Christkind, dass ich hier bin?

Viele Grüße

 

Dieses Briefchen schrieb ich kurz vor Weihnachten an meine Mama, wissend, dass ich diesmal beim Fest nicht zu Hause bei ihr sein würde. Ich weiß nicht mehr allzu viel von dieser Weihnacht, dennoch haben Spuren davon – Bilder, Gerüche, Gefühle – sich in meine Erinnerung gegraben und tauchen immer mal wieder auf.

 

Ich war sieben Jahre alt und nach langer schwerer Krankheit und wegen einer Neurodermitis zur Erholung in ein Kinderheim ins Kleinwalsertal verschickt worden. Damals gab es keine Mutter- und Kindkuren, wie auch die Eltern nicht mit ihren Kindern im Krankenhaus aufgenommen wurden. Man maß der Trennung keine so große Bedeutung bei wie heute.

Für eine vollständige Genesung war mein Aufenthalt für 3 Monate geplant, eine lange Zeit für eine Siebenjährige.

Weihnachten hatte ich immer mit Mama gefeiert, auch meine Großeltern waren oft dabei und es war für mich einfach das schönste Erlebnis im Jahr. Schon die Vorweihnachtszeit bedeutete mir viel, trotz Arbeit nahm sich meine Mutter jeden Abend Zeit für unser Adventstündchen mit Kerzen, Plätzchen, Gedichten, Geschichten oder Basteln.

 

Nun saß ich in diesem Kindererholungsheim, sollte vernünftig sein – etwas, das meine Kindheit begleitet hat in unterschiedlichster Ausprägung. Richtigen Advent gab es hier nicht. Man hatte im Gemeinschaftsraum einen großen Kranz aufgehängt, abends brannten auch die Kerzen und wir sangen wohl manchmal, aber mir fehlten natürlich die heimelige Atmosphäre und meine Mama. Es roch auch nicht weihnachtlich, sondern nach Essen, Küche und Milchsuppe. Das hat sich mir eingeprägt und ich meine, diesen Geruch noch heute manchmal wahrzunehmen.

Am meisten freute ich mich an Weihnachten immer auf den Weihnachtsbaum und ich glaubte fest, dass das Christkind ihn bringen und wunderschön schmücken würde. Nun hatte ich große Sorge, dass es dieses Jahr auch damit nichts werde.

Am Morgen des 24. Dezembers, daran erinnere ich mich noch, hätte ich so gern mein graues Röckchen und die weiße Bluse angezogen, aber ich durfte es nicht. Stattdessen steckte ich in der rauen karierten Wollhose. Ich war sehr betrübt und musste immer die Tränen hinunterschlucken.

Dabei war mein Aufenthalt in dem Kinderheim nicht nur traurig, es gab auch so viele schöne Momente, die ich tief in mir noch erahne, der Schnee, die Berge, das Skifahren, das ich dort lernen durfte, die Gemeinschaft mit den anderen Kindern.

Aber das Heimweh spürte ich doch immer wieder.

Meine Mutter hatte vorher mit mir darüber gesprochen und wir hatten beraten, wie ich damit umgehen sollte.

»Weißt du, Enya«, hatte sie gesagt, »nimm eine Handvoll Schnee und wenn er dann taut, schickst du die Traurigkeit und die Tränen damit weg.«

Es mag ab und an geholfen haben – für Momente – aber so oft hätte ich lieber richtig geweint.

 

Am Heiligen Abend gab es doch einen Weihnachtsbaum, er stand draußen, war groß und viele Kerzen leuchteten und tauchten den Garten in ein schönes Licht. Der Schnee funkelte. Wir Kinder, es waren an Weihnachten nur noch wenige hier,  versammelten uns um diesen Baum und sangen.

Es war aber nicht mein Baum und wir alle hatten mitbekommen, dass junge Männer die Kerzen montiert hatten und mein Christkind-Glaube geriet mächtig ins Wanken. Das Christkind wusste eben doch nicht, wo ich war, hatte mich vergessen oder war nicht existent.

Später bekamen wir alle einen bunten Teller und ein Geschenk. Von meiner Mutter erfuhr ich viel später, dass den Eltern nur erlaubt war, ein Geschenk zu schicken, damit es keinen Neid und keine Komplikationen gab. Mama hatte mir das Buch „Die Wurzelkinder“ von Sibylle von Olfers geschickt und ich wurde nicht müde, es anzuschauen und zu lesen.

Viel mehr ist mir nicht von diesem Weihnachtsfest in Erinnerung, nur das Gefühl der Traurigkeit, der Einsamkeit. Zum Glück folgten so viele wunderbare Weihnachtsfeste, die dieses – nicht ganz zwar – aber beinahe ungeschehen machten.

 

Damals am 24.12 1960 schlich sich die kleine Enya abends heimlich hinaus, streckte ihre warme Hand aus. Schneeflocken ließen sich darauf nieder und schmolzen sofort.

Jede so verschwundene Schneeflocke war für Enya ein Stück Traurigkeit, die sie so versuchte wegzuschicken. An diesem Abend hätte sie wohl Stunden dort stehen müssen.

 

 

Gute Tage

O ja, es gibt sie, diese guten Tage, an denen ich auftanken kann, die ich konservieren möchte, dass sie nicht nur Erinnerung bleiben, sondern in mir wohnen können.
Es sind Tage, an denen nicht nur Kleinigkeiten, scheinbar unbedeutend, die Stunden erhellen. Sie sind ein Ganzes, allumfassend vermitteln sie ein Gefühl des sich Spürens, des Wahrnehmens meiner Mitmenschen und ich empfinde mich dann als eins mit der Welt.
Gestern war so ein Tag. Draußen hat es geregnet und gestürmt, die Welt erschien grau und kurz habe ich es wie eine Art Schatten gespürt: Dieses Grau wollte sich auf mein Gemüt legen. Nein, beschließe ich und überlege, wie ich diesen Tag füllen kann, damit er für mich ein guter Tag wird.
„Ich male dir den Regen bunt“, hat meine verstorbene Freundin immer gesagt, also ist es an mit, diesem Grau Farbe zu geben.
Ich habe zunächst Ursel, die Mutter meines Schwiegersohns, im Heim besucht. Über eine Woche bin ich nicht bei ihr gewesen. Diesmal war eine Physiotherapeutin da und hat mit Ursel trainiert. Sie soll wieder lernen, mit dem Rollator zu laufen. Endlich bewegt sich etwas. Ursel hat sich sehr über diesen kleinen Fortschritt gefreut. Und auch, dass ich sie besucht habe. Wir haben uns über eine Stunde sehr nett unterhalten. Also war es auch für sie ein guter Tag.
Zu Hause habe ich mich in Social Media eingeloggt und erhielt dort eine virtuelle Umarmung, mit der ich nicht gerechnet habe. Besser konnte der Tag nicht werden.
Den Nachmittag habe ich für mein Schreiben genutzt und mir anschließend einfach Ruhe gegönnt, gelesen, Musik gehört.
Der gestrige Tag hat sich für mich bunt angefühlt.

 

 

 

Wie ich zum Schreiben kam

„Niemand, der nicht schreibt, weiß, wie fein es ist, zu schreiben. Früher habe ich immer bedauert, nicht gut zeichnen zu können, aber nun bin ich überglücklich, daß ich wenigstens schreiben kann. Und wenn ich nicht genug Talent habe, um Zeitungsartikel oder Bücher zu schreiben, gut, dann kann ich es immer noch für mich selbst tun.“

Anne Frank, Tagebucheintrag

 

„Mama, ich kann lesen!“ Euphorisch empfing ich eines Abends meine Mutter, als sie von der Arbeit nach Hause kam. Fünf Jahre war ich alt und ich habe mir – wohl aus Langeweile – während einer langen Krankheit selbst das Lesen beigebracht. Zunächst mit Hilfe von Bildern in einer Fibel einzelne Wörter angeeignet. Irgendwann hat es klick gemacht und ich habe begriffen, dass man diese Zeichen, die man Buchstaben nennt, immer wieder neu kombinieren kann und dass jedes einem eigenen Klang folgt. Der Knoten war geplatzt, meine Freude kannte keine Grenzen und ich eroberte mir die Welt der Bücher. Jetzt konnte ich die Zeit nicht nur mit meinen fantasiereichen Spielen füllen, sondern auch mit geschriebenen Geschichten anderer Menschen.

Etwa zur gleichen Zeit begann ich auch zu schreiben. Als ich in die Schule kam, erfand ich kleine Geschichten von Zwergen, Riesen, Tieren und Fantasiegestalten. Einmal schrieb ich ein Märchen über einen Ball, der seine Erlebnisse erzählt. Meine Grundschullehrerin war begeistert. Sie bat mich, diese Geschichte in der Klasse vorlesen zu dürfen. Meine Mitschüler fanden das witzig, was mich sehr betrübte, denn witzig sollte diese Geschichte nicht sein. Ich glaube, einige dachten wohl dass ich ein wenig spinnen würde, womit sie vielleicht gar nicht so Unrecht hatten.

Noch während des ersten Schuljahres musste ich für drei Monate in ein Kinderheim, um eine Krankheit auszukurieren, wieder zu Kräften zu kommen, denn die Ärzte befanden mich als zu klein, mager und schwach. Ich fühlte mich keineswegs so, aber was sollte ich machen?
Nun also waren es Briefe, die ich – von Heimweh geplagt – nach Hause schrieb.
Heute ist mir klar, dass Schreiben damals für mich eine Art Sprachrohr war, um nicht an all dem zu ersticken, was mich bewegte.

Mit neun Jahren begann ich Tagebuch zu führen, kleine Begebenheiten aus dem Alltag, die ich in Schulhefte oder auf Zettel schrieb. Als ich zwölf Jahre alt war, erstellte ich mir dann ein richtiges kleines Buch aus schönem Papier, das ich in Leinen band. Nun verfasste ich auch meine ersten Gedichte, eher Aphorismen, die ich in diesem Büchlein festhielt. Ich liebte es, auf dieses schöne Papier mit mit schwarzer Tusche zu schreiben.

Zu jener Zeit hatte ich immer kleine Hefte und einen Stift dabei, um mir jederzeit Notizen machen zu können, wenn ein Gedanke mich ansprang. Ich beobachtete Menschen, versuchte mich in sie hineinzufühlen und schrieb dann kleine Geschichten um diese Personen.

Nach einem traumatischen Erlebnis im Alter von 16 Jahren habe ich das Schreiben über meine eigenen Gedanken und Gefühle für fast vier Jahre aufgegeben. Erst als ich nach einem Autounfall im Krankenhaus lag, brachte mich ein Therapeut dazu, wieder zu schreiben. Eigentlich ging es darum, bestimmte Dinge in einer Gesprächstherapie zu klären. Ich machte jedoch völlig dicht, fand keine Worte, konnte oder wollte nicht reden. Irgendwann fragte der Therapeut, ob ich es aufschreiben könne. Erst verneinte ich, denn gerade das Schreiben über meine Gefühle hatte ich ja aufgegeben. Irgendwann jedoch erzählte ich ihm, eigentlich immer geschrieben hatte.
„Und jetzt schreiben Sie gar nicht mehr?“, fragte er.
„Doch, schon, ich muss ja – im Studium. Aber auf keinen Fall etwas, das mit mir zu tun hat.“
In diesem Moment spürte ich in mir ein bedingungsloses Ja. Ich bin diesem Therapeuten noch heute dankbar, dass er mich geduldig, ohne zu Drängen, wieder zum Schreiben gebracht hat. Anfangs war es schwer. Ich saß oft vor einem leeren Blatt, war gehemmt, es schien fast, als fürchtete ich, die geschriebenen Worte könnten das nach außen lassen, was ich lieber verborgen hätte. Aber nach und nach löste sich diese Blockade und letztlich war es wie ein Fluss, der unaufhaltsam dahinströmte – all die ungesagten Worte landeten auf dem Papier.

Von da an schrieb ich regelmäßig. Gedichte, Kurzgeschichten, meine Gedanken, Gefühle, Erlebnisse. Natürlich gab es die Jahre, als mir oft die Zeit fehlte, die Kinder waren klein, nebenher forderte der Beruf mich sehr. Aber immer schuf ich mir mein Eckchen und schrieb. Es war Freizeit für mich, Entspannung und einfach Freude.

Bis ich an die Öffentlichkeit ging, hat es lange gedauert. Ich weiß heute, dass Schreiben für mich von Anfang an eine Art Überlebensstrategie gewesen ist und ich bin mehr als dankbar, dass mir diese Ausdrucksmöglichkeit gegeben wurde. Immer hat mir mein Schreiben geholfen, so manchen Stolperstein im Leben zu bewältigen. Dass es auch Spaß macht und vielleicht sogar andere Menschen berührt – das ist wie ein Geschenk.

Für mich ist Schreiben nicht nur eine Möglichkeit, mich mitzuteilen, zu verarbeiten, sondern es heißt auch, in andere Menschen einzutauchen, mit ihnen in eine Art inneren Dialog zu gehen, der sich im Schreiben konkretisiert.

Wie sagte Malcolm Stevenson Forbes?
„Feder und Papier entzünden mehr Feuer als alle Streichhölzer der Welt.“

 

 

 

Über das Glück

Wir Menschen streben nach dem Glück. Unser Grundgesetz nennt dieses Streben nicht explizit im Sinne eines Rechts auf Glück, aber es garantiert uns Freiheits- und Menschenrechte, die uns helfen, unser persönliches Glück zu erreichen. Dies hängt individuell davon ab, wie wir diese Rechte und Freiheiten nutzen.

 

Wir wünschen uns bei verschiedenen Gelegenheiten  „viel Glück“. Zum Geburtstag, zur Hochzeit, bei einer bevorstehenden Prüfung, vor einem Bewerbungsgespräch, vor sportlichen Wettkämpfen …
Aber ist das wirklich Glück, was wir damit meinen? Ist es nicht eher der Wunsch nach gutem Gelingen von all dem, was wir uns vornehmen und erreichen wollen?

 

Ich habe mich oft gefragt, ob Glück nur in der Erinnerung oder im Rückblick erkennbar ist.
Es ist meiner Ansicht nach flüchtig, oft eine Momentaufnahme, die man nicht sofort wahrnimmt, sondern die Bedeutung meist erst im Nachhinein wahrnimmt.
Dann frage ich mich, ob wir solche Glücksmomente selbst herbeiführen können. Bestimmt funktioniert das mit den Momenten, von denen ich weiß, dass sie mir guttun. Aber wie ist das mit den zufälligen Momenten? Auch da kann ich etwas tun. Diese Augenblicke werden eher nicht kommen, wenn ich untätig darauf warte.
Glück ist doch sicher auch etwas Individuelles. Einen allgemeinen Gradmesser gibt es wohl nicht.
Für mich bedeutet Glück, dass etwas in Bewegung ist, dass ich selbst nicht in meiner Komfortzone verharre. Glück bedeutet dann auch, etwas loslassen zu können. Vielleicht entstehen Glücksmomente aus einer gewissen Unzufriedenheit heraus, nämlich dann, wenn ich diese wahrnehme und versuche, mich weiterzuentwickeln.
So gesehen kann sich Glück sogar aus einer gewissen Melancholie heraus entwickeln, einem Zustand, in dem die Gefühle sehr präsent sind. Innovatives und Kreatives entstehen nicht aus absoluter Zufriedenheit und dem Glücksgefühl. Vielleicht ist das dauernde Streben nach Glück eher hinderlich.
Glücklich zu sein, ist möglicherweise sogar die Verpflichtung, offen zu für die kleinen Dinge zu sein, die unser Leben bereichern. Verantwortung zu tragen, sich nicht einzunisten im Unglücklichsein oder in Schicksalsschlägen.

Was mache ich selbst, um in meinem Leben jene kleinen Glücksmomente hervorzurufen?
In erster Linie nehme ich mir möglichst täglich etwas vor, von dem ich weiß, dass es mir guttut. Das kann das Hören meiner Lieblingsmusik sein, das Lesen eines interessanten Buches, ein Telefonat mit Freund oder Freundin, ein Spaziergang in der Natur, das Treffen mit Familie oder Freunden, das Schreiben über das, was mich bewegt oder auch das Erledigen lang aufgeschobener Dinge.
Es gibt kein Rezept, keine Gebrauchsanleitung, um solche Momente zu erleben. Für jeden mögen diese anders aussehen.
Bevor ich abends schlafen gehe, nehme ich mir einen Augenblick Zeit und überlege, was mir an diesem Tag an guten und schönen Dingen begegnet ist. Nicht immer ist das viel, aber bislang habe ich meist zumindest eine Kleinigkeit gefunden.

 

„Das Glück ist nicht in einem ewig lachenden Himmel zu suchen, sondern eben in ganz feinen Kleinigkeiten, aus denen wir unser Leben selbst zurechtzimmern.“
(Carmen Sylva)