Die Vernunft kann nur reden.
Es ist die Liebe, die singt.
(Joseph de Maistre)

 

Herzlich Willkommen auf meiner Seite und meinem Blog

 

 

 

Erinnerungskultur – auch schon für Kinder?
(Ein Erfahrungsbericht aus meiner Praxis in der Schule)

„Meine Mission ist, ich sage, seid Menschen. Wir sind alle gleich. Es gibt kein christliches, kein muslimisches, kein jüdisches Blut. Es gibt nur menschliches Blut.“ (Margot Friedländer)

 

Mit ruhiger, melodiöser Stimme berichtet sie. Ihre braunen Augen blitzen, ziehen die Zuhörer in ihren Bann. Mit zahlreichen Gesten unterstreicht sie das Erzählte.
Wir sitzen im Stuhlkreis, ausnahmsweise heute, denn unser Gast, Frau Leora Ulmann, ist immerhin 83 Jahre alt. Es würde ihr nicht so leicht fallen, auf dem Boden zu sitzen.
Achtzehn Kinder folgen gespannt ihren Ausführungen. Frau Ulmann erzählt von ihrem Leben vor dem Krieg, von den Jahren, die sie mit ihrer Familie in Frankfurt verbracht hat.
Gerade berichtet sie von den Spielen im Hinterhof. Man hatte mit dicker Kreide Hüpfkästchen auf das Pflaster gezeichnet.
»Ich habe gesehen, dass ihr auch noch dieses Spiel kennt«, sagt Frau Ulmann. »Auf eurem Schulhof sind ja die Hüpfkästchen aufgemalt, nicht wahr?«
Die Kinder nicken eifrig, fragen nach anderen Spielen. Murmeln, Seilspringen, Ballspiele, all das lebt auch heute wieder auf.
Frau Ulmann erzählt, dass mitten in dem Hinterhof eine Kastanie gewachsen ist. Dort habe man im Sommer Schatten gefunden, kleine Picknicks veranstaltet.
Ich erkläre den Kindern, dass man sich den Hinterhof wie eine Hofreite vorstellen könne, von denen es im Ort einige gibt.
Frau Ulmann berichtet von ihrer Schulzeit. Wir entdecken wieder viele Gemeinsamkeiten. Für die Kinder ist es spannend, von der Schiefertafel und dem Griffel zu hören. Frau Ulmann erinnert sich, wie sie den Wechsel zum Papier erlebt hat.
Die Zeit geht sehr schnell herum. Bald ist Pause und wir müssen uns für heute von ihr verabschieden. Aber sie wird wiederkommen, noch einmal für zwei Stunden. Dann wird sie von der Zeit erzählen, als sich alles verändert hat, auch vom Krieg und von der Zeit im Konzentrationslager. Das ist mit mir abgesprochen.
Frau Ulman hat Bergen Belsen überlebt. Sie ist Jüdin.

 

Drei Ereignisse sind es, die mich veranlasst haben, in meinem vierten Schuljahr den Holocaust zum Thema zu machen, eine Art Erinnerungskultur zu betreiben.
Ich kam nach den Ferien in die Schule zurück, den Kopf und das Herz voll von Eindrücken aus dem Gedenkzentrum Oradour-sur-Glane, das ich besucht hatte. Seltsamerweise berührte mich dies noch stärker als der Besuch von Konzentrationslagern.
Am 10. Juni 1944 wurde das Dorf Oradour von der Waffen-SS-umzingelt. Die Bewohner wurden zusammen getrieben und brutal hingerichtet. Man sperrte Frauen und Kinder in der Kirche ein und verbrannte sie. Männer wurden zum größten Teil erschossen. Es gab  642 Opfer und ganz wenige überlebende Zeugen dieses Massakers.
Seit Mai 1999 kann man diese Museumsstätte der Erinnerung besichtigen. Es hat mich ungeheuer berührt und einmal mehr überlegte ich, wie wichtig das Erinnern ist.


Zurück in der Schule kamen während der Pausenaufsicht mehrere Kinder zu mir und beschwerten sich, die Rutsche sei verschmiert und bekritzelt. In der Tat waren mit Filzstift Hakenkreuze auf das Metall geschmiert. Die Kinder unterhielten sich über das Zeichen und ich merkte, wie diffus ihr Wissen war.


Was endgültig den Ausschlag gab für meinen Entschluss, das Thema Holocaust zum jetzigen Zeitpunkt zu behandeln, war der Bericht einer Schülerin über den Besuch ihrer Eltern in Auschwitz. Es muss großes Thema in der Familie gewesen sein, das Mädchen hatte nicht mitgedurft und sie erzählte im Morgenkreis, was sie von ihren Eltern gehört hatte.
Die Konstellation dieser drei Ereignisse ließ mich nun intensiv darüber nachdenken, wie ich mit dem Thema in der Grundschule umgehen könne. Einerseits scheint es für Kinder dieses Alters ein Tabuthema zu sein. Man fürchtet seelische Schäden und glaubt, es sei ohne einen großgeschichtlichen Zusammenhang unbegreifbar. Andererseits wissen Kinder eben doch einiges über Hitler, den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung. Es sind jedoch nur Fragmente, die sie oft nicht zusammenbringen und einordnen können. Dies kann wiederum diffuse Ängste zur Folge haben.
In anderen Ländern wie den USA, den Niederlanden oder Israel wird das Thema sehr wohl schon in der Grundschule behandelt.
Also begann ich Informationen zu sammeln.

 

Öffentliche Erinnerungskultur ist eine Art kollektives Gedächtnis, also eine Gedächtnisleistung einer Gruppe von Menschen, die festhält, was aus der Vergangenheit nicht vergessen werden soll. Die so gewonnene Identität dient dann als Legitimation für Handeln in Gegenwart und Zukunft.. Das kollektive Gedächtnis sichert Kommunikation über die Lebenszeit hinaus, es wird sichtbar in Gebäuden, Denkmälern, Liedern, Riten, Gedenktagen, in Büchern, Filmen in der Kunst.
Junge Menschen müssen erfahren, dass Geschichte ein Konstrukt ist, und dass die Vergangenheit von jeder Generation – oft auch kontrovers – diskutiert wird. Das Ziel muss eine kritische Fragehaltung sein gegenüber den Deutungen der Politik und Gesellschaft.
Natürlich ist für die deutsche Erinnerungskultur der Nationalsozialismus von Bedeutung, besonders aber auch die Fragestellung, welche Konsequenzen sich daraus für ethisches Handeln ergeben.

Junge Menschen stehen vor der Aufgabe, nicht nur die deutsche, sondern auch die europäische und sogar die globale Erinnerungskultur mitzugestalten.
Wichtig ist zu sehen, dass auch das persönliche Erinnern ein Konstrukt ist. Der Kontext, in dem Erinnern stattfindet, wird der neuen Erinnerung beigefügt, es entstehen immer neue Zusammenhänge.  So wird nicht immer Gleiches produziert, sondern vieles unterliegt auch Veränderungen.
Erinnerungskultur zu betreiben, heißt nicht, bestimmte Wertevorstellungen aufzudrücken. Das wäre eine entmündigende Erziehung zur Mündigkeit. Erinnern muss ein offen gestalteter Prozess sein. Parallele Wege zum Geschehen können gegangen und so in Kontakt gebracht werden mit der zu verfolgenden Spur.

 

Beim Erinnern an den Nationalsozialismus wird allgemein nicht der Begriff der Shoah (hebräische Bezeichnung für den Mord an europäischen Juden, hat auch die Bedeutung von Katastrophe) verwendet, da hierdurch eine Einengung der Naziverbrechen nur auf die jüdische Opfergruppe erfolgen würde.
In der internationalen Diskussion gilt der Begriff von „Holocaust Education“ als Konsens.
Es gilt die Frage nach den Opfern zu stellen, aber auch nach den Mitläufern, nach Tätern und den Grauzonen dazwischen, ebenfalls nach den Grauzonen zwischen Tätern und Zuschauern und zwischen Zuschauern und Opfern.

 

Wie nun kann man schon jungen Kindern dieses „Erinnern“ vermitteln? In den weiterführenden Schulen bemerkt man zunehmend eine Unlust der Lehrer, eine Art Übersättigung bei den Schülern, sogar in Israel distanzieren sich junge Menschen der 3. und 4. Generation von den schrecklichen Geschehnissen, wollen nichts davon hören.
Es ist also ein Paradigmenwechsel angezeigt. Nicht um eine reine Faktenvermittlung kann es gehen, sondern um die Stärkung von subjektiven Sichtweisen. Aus passiven anonymen Einzelschicksalen können durch Spurenverfolgung lebendige Persönlichkeiten werden. Sich mit den Augen der Opfer der Geschichte zu nähern, scheint eine Möglichkeit zu sein. Hier werden existenzielle Grundfragen nach Leben und Verantwortung gestellt. Wie kann man erklären, was Menschen anderen Menschen angetan haben?

Für junge Kinder gilt: keine Grausamkeiten vermitteln.
Adorno formuliert: „Erziehung nach Ausschwitz ohne Ausschwitz“. Man darf aber den systematischen Charakter der nationalsozialistischen Verfolgung nicht ausklammern.

 

Bei meinen Recherchen stieß ich auf einige für die Grundschule aufgearbeitete Biographien und Autobiographien von Zeitzeugen. Im Austausch mit anderen Lehrern, vielen Gesprächen, auch mit Eltern, nach der Aufarbeitung von gängiger Literatur, entschloss ich mich diesen Weg zu gehen:
Lernen und eine erste Annäherung an das Thema anhand von solchen Biographien.
Das Schicksal jüdischer Menschen an der konkreten Lebensgeschichte zu thematisieren und den Opfern Namen geben, aber auch denen, die sich für die Verfolgten eingesetzt haben.
Da es doch einige Grundschulen gibt, die jüdische Namen tragen, wie „Anne Frank Schule“ wäre es unsinnig, die Kinder von den Hintergründen fernzuhalten, die zu diesen Namensgebungen geführt haben.
Erinnern soll also heißen, zu Ereignissen zurückgehen, hinzuschauen, zu verweilen und sie wachzuhalten. Auch das ist ein Moment, welches zur Ich-Stärkung führen kann und eine Thematisierung in Grundschule rechtfertigt.

 

Ich war also entschlossen, das Thema zu behandeln in der eben geschilderten Weise zu behandeln. Die Eltern waren informiert und ich hatte ihre Zustimmung und Unterstützung. Durch eine Mutter bekam ich Kontakt zu Frau Ulmann. Wunderbarerweise erklärte sie sich bereit, mich ein Stück weit in meinem Unterricht zu begleiten. In mehreren Gesprächen legten wir fest, was sie erzählen könnte.

Nach ihrem ersten Besuch beschäftigten die Kinder sich mit anderen Biographien. In Kleingruppen lasen sie unterschiedliche Geschichten, die besonders für die Grundschule aufgearbeitet waren. In allen Autobiographien berichten jüdische Frauen aus ihrer Kindheit, von der Verfolgung, dem Leben in Lagern und über die Befreiung.
Die Kinder arbeiteten sehr unterschiedlich, erstellten Fragenkataloge für gemeinsame Diskussionen, formulierten kleine Lebensdokumente, die sie den anderen Gruppen vorstellten oder führten die Berichte weiter in Form von kleinen Tagebuchäußerungen, indem sie die Position der Protagonisten einnahmen.
Die Arbeitsweise war sehr offen, aber immer begleitet von gemeinsamen Gesprächen der Großgruppe.

 

Dann kommt Frau Ulmann wieder.
Die Kinder wissen inzwischen schon viel. Sie kennen einige der Gesetze und Verordnungen, die damals gegen Juden erlassen wurden, erahnten, welchen Ausgrenzungen die jüdischen Kinder damals ausgesetzt waren und wie schwierig sich das Leben gestaltete.
Zwischen der Lerngruppe und Frau Ulmann ergibt sich heute dann eigentlich ein Gespräch anstelle eines einseitigen Berichtes.  Die Betroffenheit und Spannung erreicht ihren Höhepunkt als Frau Ulmann in vorsichtigen Worten, jedoch ohne zu beschönigen vom Konzentrationslager berichtet. Die Kinder setzen das Gehörte in Beziehung zu dem, was sie inzwischen erarbeitet haben. Es werden ganz banale Fragen gestellt wie Lernen, Spielen, Schlafen, Kontakt zu anderen Kindern und einmal mehr bin ich berührt über die unmittelbare Art, mit der Kinder sich Zugang auch zu schwierigen Themen verschaffen.

Gegen Ende sagt plötzlich David: „Können wir nicht die Kerze anzünden und an all die Opfer denken?“ (Die Kerze ist ein Ritual, das wir im Religionsunterricht praktizieren) Noch ehe ich etwas sagen kann, springt Helena auf, holt das Tuch und die Kerze. David darf sie anzünden und bevor wir Frau Ulstein verabschieden, verharren wir alle still für ein bis zwei Minuten. Der Abschied ist herzlich, von beiden Seiten mit Dankesworten begleitet.

Ich fühle mich gut. Die Kinder waren in allen Stunden mit einer großen Ernsthaftigkeit bei der Sache. Ihr Interesse blieb wach bis zum Ende, sie zeigten Empathie und Betroffenheit, ohne in bloßes Mitleidsgebahren abzugleiten. Manchmal spürte ich bei ihnen auch die Verständnislosigkeit und die Ohnmacht, die wir Erwachsenen oft spüren.

Nachdem Frau Ulstein gegangen ist, mache ich noch eine kleine Abschlussreflexion, die nicht kommentiert werden soll, sondern es jedem ermöglicht, Gedanken und Gefühlen Ausdruck zu geben. Ich teile kleine Kärtchen aus und bitte die Kinder, einen kurzen Gedanken oder Wunsch aufzuschreiben, den sie mit all dem verbinden, was sie gehört und erarbeitet haben. Das machen wir oft zum Schluss einer Unterrichtseinheit und den Kindern ist das nicht fremd. Sie schreiben eifrig und bringen ihr Kärtchen dann in den Kreis und stellen es um die Kerze.
Ich muss kurz überlegen, was ich schreibe.

 

Still lesen wir, was geschrieben wurde:

„Andere Menschen achten, immer und überall, das wünsch ich mir.“

„Ich will es besser machen!“

„Es darf nie wieder gelbe Sterne geben. Kein Zeichen für keinen Menschen. Alle sind gleich und doch verschieden. Aber alle wertvoll.“

„Ich bin traurig. So viel Verlorenes.“

„Ich wünsche, dass alle Menschen sich erinnern und es besser machen.“

„Oradour- nie wieder!“ steht am Ende auf meinem Kärtchen.

 

Literatur:

Jürgen Moysich/Matthias Heyl:Der Holocaust – ein Thema für Kindergarten und Grundschule? Krämer Verlag, Hamburg 1998

Heike Deckert-Peaceman: Holocaust als Thema für Grundschulkinder? Lang Verlag, Frankfurt 2002

Astrid Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, Stuttgart/Weimar 2005

Theodor W. Adorno: Erziehung zur Mündigkeit, Frankfurt 1971

 

 

 

 

Und wieder gute Tage

 

Der Frühling kommt mit Macht. Moderate Temperaturen, Sonne den ganzen Tag, die Natur scheint zu explodieren. Es ist ein wunderbares Gefühl nach dem doch recht heftigen Winter.
Angesichts der schlimmen Weltlage und der furchtbaren Nachrichten, die uns täglich ereilen, scheint es zuweilen schwer, im Leben noch Positives zu finden.
Doch ist es nicht gerade deshalb wichtig, die kleinen Momente wahrzunehmen, die unser Leben bereichern?
Ein "Mitleiden" hemmt, lässt uns die Ohnmacht so stark spüren, dass Wut, Trauer und Entsetzen Oberhand gewinnen. Änderung bewirkt es nicht.
Ein "Mitfühlen" ist meiner Ansicht nach besser, den Schmerz der anderen Menschen nicht erleiden, sondern ihm nachspüren, sich bewusst machen, wie kostbar vielleicht das eigene Leben noch ist. Und dann jeden guten Moment genießen.
Letzte Woche habe ich einen lieben Menschen getroffen. Unsere letzte Begegnung liegt über zehn Jahre zurück und es war auch nur ein kurzes Treffen. Dennoch sind wir in Abständen übers Internet verbunden geblieben.
Und jetzt eine erneute Begegnung, die mich sehr berührt hat. Gekennzeichnet von Offenheit und Wertschätzung. Hier habe ich es deutlich gespürt, dieses "Mitfühlen". Auch ich habe mich aufgehoben gefühlt mit meinen Problemen. Es ist eine Begegnung gewesen, die nachhallt, von der etwas in mir zurückbleibt.
Es war ein guter Tag, dem andere gute Tage gefolgt sind, einfach, weil dieses positive Feeling in mir Raum gefunden hat ... eine Weile vielleicht ...
Morgen wird ein weiterer guter Tag sein, ich möchte mit Freunden wandern, die Natur genießen, gute Gespräche führen.

Auch wenn zur Zeit Krankeiten, Todesfall und Probleme die Familie belasten, auch wenn die Weltnachrichten Angst machen, so versuche ich doch, mir die kleinen Momente an Schönem zu bewahren.
Es sind diese Tage, an denen die kleine Lala aus meinem Roman "Das Murmelglas" eine bunte Kugel in ihr Glas gelegt hätte, um diese wunderbaren Erinnerungen zu bewahren.


 

 

 

 

 

 

 

 

Von Herzen wünsche ich allen meinen Lesern frohe und friedliche Weihnachten und
fürs kommende Jahr Gesundheit und viel Freude.
Richtet den Blick nach vorne und auf all das, was im vergangenen Jahr gut war.
In diesem Sinne herzliche Grüße.

 

 

 

Weiß das Christkind, dass ich hier bin?


(eine weihnachtliche Geschichter aus meiner Kindheit)

Am 24.12.1960 stand abends ein kleines Mädchen draußen im Schnee. Sie hatte ihre Hand ausgestreckt und Schneeflocken fielen sacht hernieder und schmolzen in der warmen Handfläche ...

 

Liebe Mama,

wie geht es dir? Mir geht es gut, manchmal auch nicht.

Ich vermiss dich, ich will lieber heim.

Es ist kalt hier. Aber du musst nicht traurig sein.

Weiß das Christkind, dass ich hier bin?

Viele Grüße

 

Dieses Briefchen schrieb ich kurz vor Weihnachten an meine Mama, wissend, dass ich diesmal beim Fest nicht zu Hause bei ihr sein würde. Ich weiß nicht mehr allzu viel von dieser Weihnacht, dennoch haben Spuren davon – Bilder, Gerüche, Gefühle – sich in meine Erinnerung gegraben und tauchen immer mal wieder auf.

 

Ich war sieben Jahre alt und nach langer schwerer Krankheit und wegen einer Neurodermitis zur Erholung in ein Kinderheim ins Kleinwalsertal verschickt worden. Damals gab es keine Mutter- und Kindkuren, wie auch die Eltern nicht mit ihren Kindern im Krankenhaus aufgenommen wurden. Man maß der Trennung keine so große Bedeutung bei wie heute.

Für eine vollständige Genesung war mein Aufenthalt für 3 Monate geplant, eine lange Zeit für eine Siebenjährige.

Weihnachten hatte ich immer mit Mama gefeiert, auch meine Großeltern waren oft dabei und es war für mich einfach das schönste Erlebnis im Jahr. Schon die Vorweihnachtszeit bedeutete mir viel, trotz Arbeit nahm sich meine Mutter jeden Abend Zeit für unser Adventstündchen mit Kerzen, Plätzchen, Gedichten, Geschichten oder Basteln.

 

Nun saß ich in diesem Kindererholungsheim, sollte vernünftig sein – etwas, das meine Kindheit begleitet hat in unterschiedlichster Ausprägung. Richtigen Advent gab es hier nicht. Man hatte im Gemeinschaftsraum einen großen Kranz aufgehängt, abends brannten auch die Kerzen und wir sangen wohl manchmal, aber mir fehlten natürlich die heimelige Atmosphäre und meine Mama. Es roch auch nicht weihnachtlich, sondern nach Essen, Küche und Milchsuppe. Das hat sich mir eingeprägt und ich meine, diesen Geruch noch heute manchmal wahrzunehmen.

Am meisten freute ich mich an Weihnachten immer auf den Weihnachtsbaum und ich glaubte fest, dass das Christkind ihn bringen und wunderschön schmücken würde. Nun hatte ich große Sorge, dass es dieses Jahr auch damit nichts werde.

Am Morgen des 24. Dezembers, daran erinnere ich mich noch, hätte ich so gern mein graues Röckchen und die weiße Bluse angezogen, aber ich durfte es nicht. Stattdessen steckte ich in der rauen karierten Wollhose. Ich war sehr betrübt und musste immer die Tränen hinunterschlucken.

Dabei war mein Aufenthalt in dem Kinderheim nicht nur traurig, es gab auch so viele schöne Momente, die ich tief in mir noch erahne, der Schnee, die Berge, das Skifahren, das ich dort lernen durfte, die Gemeinschaft mit den anderen Kindern.

Aber das Heimweh spürte ich doch immer wieder.

Meine Mutter hatte vorher mit mir darüber gesprochen und wir hatten beraten, wie ich damit umgehen sollte.

»Weißt du, Enya«, hatte sie gesagt, »nimm eine Handvoll Schnee und wenn er dann taut, schickst du die Traurigkeit und die Tränen damit weg.«

Es mag ab und an geholfen haben – für Momente – aber so oft hätte ich lieber richtig geweint.

 

Am Heiligen Abend gab es doch einen Weihnachtsbaum, er stand draußen, war groß und viele Kerzen leuchteten und tauchten den Garten in ein schönes Licht. Der Schnee funkelte. Wir Kinder, es waren an Weihnachten nur noch wenige hier,  versammelten uns um diesen Baum und sangen.

Es war aber nicht mein Baum und wir alle hatten mitbekommen, dass junge Männer die Kerzen montiert hatten und mein Christkind-Glaube geriet mächtig ins Wanken. Das Christkind wusste eben doch nicht, wo ich war, hatte mich vergessen oder war nicht existent.

Später bekamen wir alle einen bunten Teller und ein Geschenk. Von meiner Mutter erfuhr ich viel später, dass den Eltern nur erlaubt war, ein Geschenk zu schicken, damit es keinen Neid und keine Komplikationen gab. Mama hatte mir das Buch „Die Wurzelkinder“ von Sibylle von Olfers geschickt und ich wurde nicht müde, es anzuschauen und zu lesen.

Viel mehr ist mir nicht von diesem Weihnachtsfest in Erinnerung, nur das Gefühl der Traurigkeit, der Einsamkeit. Zum Glück folgten so viele wunderbare Weihnachtsfeste, die dieses – nicht ganz zwar – aber beinahe ungeschehen machten.

 

Damals am 24.12 1960 schlich sich die kleine Enya abends heimlich hinaus, streckte ihre warme Hand aus. Schneeflocken ließen sich darauf nieder und schmolzen sofort.

Jede so verschwundene Schneeflocke war für Enya ein Stück Traurigkeit, die sie so versuchte wegzuschicken. An diesem Abend hätte sie wohl Stunden dort stehen müssen.

 

 

Gute Tage

O ja, es gibt sie, diese guten Tage, an denen ich auftanken kann, die ich konservieren möchte, dass sie nicht nur Erinnerung bleiben, sondern in mir wohnen können.
Es sind Tage, an denen nicht nur Kleinigkeiten, scheinbar unbedeutend, die Stunden erhellen. Sie sind ein Ganzes, allumfassend vermitteln sie ein Gefühl des sich Spürens, des Wahrnehmens meiner Mitmenschen und ich empfinde mich dann als eins mit der Welt.
Gestern war so ein Tag. Draußen hat es geregnet und gestürmt, die Welt erschien grau und kurz habe ich es wie eine Art Schatten gespürt: Dieses Grau wollte sich auf mein Gemüt legen. Nein, beschließe ich und überlege, wie ich diesen Tag füllen kann, damit er für mich ein guter Tag wird.
„Ich male dir den Regen bunt“, hat meine verstorbene Freundin immer gesagt, also ist es an mit, diesem Grau Farbe zu geben.
Ich habe zunächst Ursel, die Mutter meines Schwiegersohns, im Heim besucht. Über eine Woche bin ich nicht bei ihr gewesen. Diesmal war eine Physiotherapeutin da und hat mit Ursel trainiert. Sie soll wieder lernen, mit dem Rollator zu laufen. Endlich bewegt sich etwas. Ursel hat sich sehr über diesen kleinen Fortschritt gefreut. Und auch, dass ich sie besucht habe. Wir haben uns über eine Stunde sehr nett unterhalten. Also war es auch für sie ein guter Tag.
Zu Hause habe ich mich in Social Media eingeloggt und erhielt dort eine virtuelle Umarmung, mit der ich nicht gerechnet habe. Besser konnte der Tag nicht werden.
Den Nachmittag habe ich für mein Schreiben genutzt und mir anschließend einfach Ruhe gegönnt, gelesen, Musik gehört.
Der gestrige Tag hat sich für mich bunt angefühlt.

 

 

 

Wie ich zum Schreiben kam

„Niemand, der nicht schreibt, weiß, wie fein es ist, zu schreiben. Früher habe ich immer bedauert, nicht gut zeichnen zu können, aber nun bin ich überglücklich, daß ich wenigstens schreiben kann. Und wenn ich nicht genug Talent habe, um Zeitungsartikel oder Bücher zu schreiben, gut, dann kann ich es immer noch für mich selbst tun.“

Anne Frank, Tagebucheintrag

 

„Mama, ich kann lesen!“ Euphorisch empfing ich eines Abends meine Mutter, als sie von der Arbeit nach Hause kam. Fünf Jahre war ich alt und ich habe mir – wohl aus Langeweile – während einer langen Krankheit selbst das Lesen beigebracht. Zunächst mit Hilfe von Bildern in einer Fibel einzelne Wörter angeeignet. Irgendwann hat es klick gemacht und ich habe begriffen, dass man diese Zeichen, die man Buchstaben nennt, immer wieder neu kombinieren kann und dass jedes einem eigenen Klang folgt. Der Knoten war geplatzt, meine Freude kannte keine Grenzen und ich eroberte mir die Welt der Bücher. Jetzt konnte ich die Zeit nicht nur mit meinen fantasiereichen Spielen füllen, sondern auch mit geschriebenen Geschichten anderer Menschen.

Etwa zur gleichen Zeit begann ich auch zu schreiben. Als ich in die Schule kam, erfand ich kleine Geschichten von Zwergen, Riesen, Tieren und Fantasiegestalten. Einmal schrieb ich ein Märchen über einen Ball, der seine Erlebnisse erzählt. Meine Grundschullehrerin war begeistert. Sie bat mich, diese Geschichte in der Klasse vorlesen zu dürfen. Meine Mitschüler fanden das witzig, was mich sehr betrübte, denn witzig sollte diese Geschichte nicht sein. Ich glaube, einige dachten wohl dass ich ein wenig spinnen würde, womit sie vielleicht gar nicht so Unrecht hatten.

Noch während des ersten Schuljahres musste ich für drei Monate in ein Kinderheim, um eine Krankheit auszukurieren, wieder zu Kräften zu kommen, denn die Ärzte befanden mich als zu klein, mager und schwach. Ich fühlte mich keineswegs so, aber was sollte ich machen?
Nun also waren es Briefe, die ich – von Heimweh geplagt – nach Hause schrieb.
Heute ist mir klar, dass Schreiben damals für mich eine Art Sprachrohr war, um nicht an all dem zu ersticken, was mich bewegte.

Mit neun Jahren begann ich Tagebuch zu führen, kleine Begebenheiten aus dem Alltag, die ich in Schulhefte oder auf Zettel schrieb. Als ich zwölf Jahre alt war, erstellte ich mir dann ein richtiges kleines Buch aus schönem Papier, das ich in Leinen band. Nun verfasste ich auch meine ersten Gedichte, eher Aphorismen, die ich in diesem Büchlein festhielt. Ich liebte es, auf dieses schöne Papier mit mit schwarzer Tusche zu schreiben.

Zu jener Zeit hatte ich immer kleine Hefte und einen Stift dabei, um mir jederzeit Notizen machen zu können, wenn ein Gedanke mich ansprang. Ich beobachtete Menschen, versuchte mich in sie hineinzufühlen und schrieb dann kleine Geschichten um diese Personen.

Nach einem traumatischen Erlebnis im Alter von 16 Jahren habe ich das Schreiben über meine eigenen Gedanken und Gefühle für fast vier Jahre aufgegeben. Erst als ich nach einem Autounfall im Krankenhaus lag, brachte mich ein Therapeut dazu, wieder zu schreiben. Eigentlich ging es darum, bestimmte Dinge in einer Gesprächstherapie zu klären. Ich machte jedoch völlig dicht, fand keine Worte, konnte oder wollte nicht reden. Irgendwann fragte der Therapeut, ob ich es aufschreiben könne. Erst verneinte ich, denn gerade das Schreiben über meine Gefühle hatte ich ja aufgegeben. Irgendwann jedoch erzählte ich ihm, eigentlich immer geschrieben hatte.
„Und jetzt schreiben Sie gar nicht mehr?“, fragte er.
„Doch, schon, ich muss ja – im Studium. Aber auf keinen Fall etwas, das mit mir zu tun hat.“
In diesem Moment spürte ich in mir ein bedingungsloses Ja. Ich bin diesem Therapeuten noch heute dankbar, dass er mich geduldig, ohne zu Drängen, wieder zum Schreiben gebracht hat. Anfangs war es schwer. Ich saß oft vor einem leeren Blatt, war gehemmt, es schien fast, als fürchtete ich, die geschriebenen Worte könnten das nach außen lassen, was ich lieber verborgen hätte. Aber nach und nach löste sich diese Blockade und letztlich war es wie ein Fluss, der unaufhaltsam dahinströmte – all die ungesagten Worte landeten auf dem Papier.

Von da an schrieb ich regelmäßig. Gedichte, Kurzgeschichten, meine Gedanken, Gefühle, Erlebnisse. Natürlich gab es die Jahre, als mir oft die Zeit fehlte, die Kinder waren klein, nebenher forderte der Beruf mich sehr. Aber immer schuf ich mir mein Eckchen und schrieb. Es war Freizeit für mich, Entspannung und einfach Freude.

Bis ich an die Öffentlichkeit ging, hat es lange gedauert. Ich weiß heute, dass Schreiben für mich von Anfang an eine Art Überlebensstrategie gewesen ist und ich bin mehr als dankbar, dass mir diese Ausdrucksmöglichkeit gegeben wurde. Immer hat mir mein Schreiben geholfen, so manchen Stolperstein im Leben zu bewältigen. Dass es auch Spaß macht und vielleicht sogar andere Menschen berührt – das ist wie ein Geschenk.

Für mich ist Schreiben nicht nur eine Möglichkeit, mich mitzuteilen, zu verarbeiten, sondern es heißt auch, in andere Menschen einzutauchen, mit ihnen in eine Art inneren Dialog zu gehen, der sich im Schreiben konkretisiert.

Wie sagte Malcolm Stevenson Forbes?
„Feder und Papier entzünden mehr Feuer als alle Streichhölzer der Welt.“

 

 

 

Über das Glück

Wir Menschen streben nach dem Glück. Unser Grundgesetz nennt dieses Streben nicht explizit im Sinne eines Rechts auf Glück, aber es garantiert uns Freiheits- und Menschenrechte, die uns helfen, unser persönliches Glück zu erreichen. Dies hängt individuell davon ab, wie wir diese Rechte und Freiheiten nutzen.

 

Wir wünschen uns bei verschiedenen Gelegenheiten  „viel Glück“. Zum Geburtstag, zur Hochzeit, bei einer bevorstehenden Prüfung, vor einem Bewerbungsgespräch, vor sportlichen Wettkämpfen …
Aber ist das wirklich Glück, was wir damit meinen? Ist es nicht eher der Wunsch nach gutem Gelingen von all dem, was wir uns vornehmen und erreichen wollen?

 

Ich habe mich oft gefragt, ob Glück nur in der Erinnerung oder im Rückblick erkennbar ist.
Es ist meiner Ansicht nach flüchtig, oft eine Momentaufnahme, die man nicht sofort wahrnimmt, sondern die Bedeutung meist erst im Nachhinein wahrnimmt.
Dann frage ich mich, ob wir solche Glücksmomente selbst herbeiführen können. Bestimmt funktioniert das mit den Momenten, von denen ich weiß, dass sie mir guttun. Aber wie ist das mit den zufälligen Momenten? Auch da kann ich etwas tun. Diese Augenblicke werden eher nicht kommen, wenn ich untätig darauf warte.
Glück ist doch sicher auch etwas Individuelles. Einen allgemeinen Gradmesser gibt es wohl nicht.
Für mich bedeutet Glück, dass etwas in Bewegung ist, dass ich selbst nicht in meiner Komfortzone verharre. Glück bedeutet dann auch, etwas loslassen zu können. Vielleicht entstehen Glücksmomente aus einer gewissen Unzufriedenheit heraus, nämlich dann, wenn ich diese wahrnehme und versuche, mich weiterzuentwickeln.
So gesehen kann sich Glück sogar aus einer gewissen Melancholie heraus entwickeln, einem Zustand, in dem die Gefühle sehr präsent sind. Innovatives und Kreatives entstehen nicht aus absoluter Zufriedenheit und dem Glücksgefühl. Vielleicht ist das dauernde Streben nach Glück eher hinderlich.
Glücklich zu sein, ist möglicherweise sogar die Verpflichtung, offen zu für die kleinen Dinge zu sein, die unser Leben bereichern. Verantwortung zu tragen, sich nicht einzunisten im Unglücklichsein oder in Schicksalsschlägen.

Was mache ich selbst, um in meinem Leben jene kleinen Glücksmomente hervorzurufen?
In erster Linie nehme ich mir möglichst täglich etwas vor, von dem ich weiß, dass es mir guttut. Das kann das Hören meiner Lieblingsmusik sein, das Lesen eines interessanten Buches, ein Telefonat mit Freund oder Freundin, ein Spaziergang in der Natur, das Treffen mit Familie oder Freunden, das Schreiben über das, was mich bewegt oder auch das Erledigen lang aufgeschobener Dinge.
Es gibt kein Rezept, keine Gebrauchsanleitung, um solche Momente zu erleben. Für jeden mögen diese anders aussehen.
Bevor ich abends schlafen gehe, nehme ich mir einen Augenblick Zeit und überlege, was mir an diesem Tag an guten und schönen Dingen begegnet ist. Nicht immer ist das viel, aber bislang habe ich meist zumindest eine Kleinigkeit gefunden.

 

„Das Glück ist nicht in einem ewig lachenden Himmel zu suchen, sondern eben in ganz feinen Kleinigkeiten, aus denen wir unser Leben selbst zurechtzimmern.“
(Carmen Sylva)